{"id":510,"date":"2007-01-14T20:05:00","date_gmt":"2007-01-14T20:05:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.newkamera.de\/blogs\/oleg_jurjew\/?p=510"},"modified":"2007-01-14T20:05:00","modified_gmt":"2007-01-14T20:05:00","slug":"%d1%87%d0%b8%d1%82%d0%b0%d1%8e%d1%89%d0%b8%d0%bc-%d0%bf%d0%be-%d0%bd%d0%b5%d0%bc%d0%b5%d1%86%d0%ba%d0%b8-14","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.newkamera.de\/blogs\/oleg_jurjew\/?p=510","title":{"rendered":"\u0427\u0438\u0442\u0430\u044e\u0449\u0438\u043c \u043f\u043e-\u043d\u0435\u043c\u0435\u0446\u043a\u0438"},"content":{"rendered":"<p>\u041f\u043e\u0447\u0435\u043c\u0443-\u0442\u043e \u0432\u0430\u0448 \u043a\u043e\u0440\u0440\u0435\u0441\u043f\u043e\u043d\u0434\u0435\u043d\u0442 \u0432\u0441\u0435 \u0447\u0430\u0449\u0435 \u043f\u0443\u0431\u043b\u0438\u043a\u0443\u0435\u0442\u0441\u044f \u0432 \u0438\u0437\u0434\u0430\u043d\u0438\u044f\u0445, \u043d\u0435 \u043e\u0442\u043e\u0431\u0440\u0430\u0436\u0430\u044e\u0449\u0438\u0445\u0441\u044f \u0432 \u0418\u043d\u0442\u0435\u0440\u043d\u0435\u0442\u0435. \u0418 \u0435\u043c\u0443 \u043f\u0440\u0438\u0445\u043e\u0434\u0438\u0442\u0441\u044f \u0440\u0430\u0431\u043e\u0442\u0430\u0442\u044c \u0418\u043d\u0442\u0435\u0440\u043d\u0435\u0442\u043e\u043c \u0441\u0430\u043c\u043e\u043c\u0443.<\/p>\n<p>\u0418\u0442\u0430\u043a, \u0432 \u2116 174 (\u043f\u043e\u0441\u043b\u0435\u0434\u043d\u0435\u043c \u0437\u0430 \u043f\u0440\u043e\u0448\u043b\u044b\u0439 \u0433\u043e\u0434) \u0436\u0443\u0440\u043d\u0430\u043b\u0430 &#171;Manuskripte&#187; (\u0413\u0440\u0430\u0446, \u0410\u0432\u0441\u0442\u0440\u0438\u044f) \u043e\u043f\u0443\u0431\u043b\u0438\u043a\u043e\u0432\u0430\u043d\u044b \u043d\u0435\u043c\u0435\u0446\u043a\u0438\u0435 \u0432\u0430\u0440\u0438\u0430\u043d\u0442\u044b \u00ab\u041e\u0431\u0441\u0442\u043e\u044f\u0442\u0435\u043b\u044c\u0441\u0442\u0432 \u043c\u0435\u0441\u0442\u00bb \u2014 \u043d\u0435 \u0432\u0441\u0435\u0445 \u043d\u0430\u043b\u0438\u0447\u0435\u0441\u0442\u0432\u0443\u044e\u0449\u0438\u0445 \u043d\u0430 \u0434\u0430\u043d\u043d\u044b\u0439 \u043c\u043e\u043c\u0435\u043d\u0442 \u0432\u043e\u0441\u0435\u043c\u043d\u0430\u0434\u0446\u0430\u0442\u0438, \u043d\u043e \u043e\u0434\u0438\u043d\u043d\u0430\u0434\u0446\u0430\u0442\u0438 \u0438\u0437 \u043d\u0438\u0445. \u042d\u0442\u043e \u043d\u0435 \u043f\u0435\u0440\u0435\u0432\u043e\u0434\u044b, \u0430  \u0434\u0435\u0439\u0441\u0442\u0432\u0438\u0442\u0435\u043b\u044c\u043d\u043e \u0440\u0430\u0432\u043d\u043e\u043f\u0440\u0430\u0432\u043d\u044b\u0435 \u0432\u0430\u0440\u0438\u0430\u043d\u0442\u044b, \u043f\u043e\u0441\u043a\u043e\u043b\u044c\u043a\u0443 \u0441\u043e\u0447\u0438\u043d\u0435\u043d\u0438\u0435 \u0447\u0430\u0449\u0435 \u0432\u0441\u0435\u0433\u043e \u043f\u0440\u043e\u0438\u0441\u0445\u043e\u0434\u0438\u043b\u043e \u043d\u0430 \u043e\u0431\u043e\u0438\u0445 \u044f\u0437\u044b\u043a\u0430\u0445 \u043e\u0434\u043d\u043e\u0432\u0440\u0435\u043c\u0435\u043d\u043d\u043e.<\/p>\n<p>\u0418\u043d\u0442\u0435\u0440\u0435\u0441\u0443\u044e\u0449\u0438\u0435\u0441\u044f \u0431\u043b\u0430\u0433\u043e\u0432\u043e\u043b\u044f\u0442 \u0437\u0430\u0433\u043b\u044f\u043d\u0443\u0442\u044c \u043f\u043e\u0434 \u0437\u0430\u0433\u0438\u0431:<!--more--><\/p>\n<div style=\"text-align: right;\">Oleg Jurjew<\/div>\n<p><b>Ortsbestimmungen<\/b><\/p>\n<p><b>KURPFALZ. WEINBERGE IM SCHNEE. EINE KATZE GEHT HIN\u00dcBER<\/b><\/p>\n<p>Man wirft mit solcher Kraft und so regelm\u00e4\u00dfig Flaschen ein in eine Glastonne, dass der Eindruck entsteht, jemand hacke gl\u00e4sernes Holz.<\/p>\n<p>Unverhofft muhte eine Kuh auf &#8212; wie eine T\u00fcr.<\/p>\n<p>\u00dcber die Stra\u00dfe geht langsam eine Katze mit durchh\u00e4ngendem R\u00fccken und einem Hintern wie bei der Kuh. W\u00e4ren nicht Ohren und Schwanz, s\u00e4he sie \u00fcberhaupt aus wie eine kleine schwarze Kuh.<\/p>\n<p>Nackte Weinberge im Schnee. Es ist nicht eindeutig, was hier gez\u00fcchtet wird. Nach der KZ-Grundrissgestaltung zu urteilen: Stacheldraht.<\/p>\n<p>Der Katze entgegen schmatzen von unter dem Schnee kleine V\u00f6gel in Angst.  <\/p>\n<p><b>EINE BERGSTRA\u00dfE. \u00dcBER DIE LIEBE ZUM VATERLAND<\/b> <\/p>\n<p>Dalmatien. Feuer in einem Geb\u00fcsch am Stra\u00dfenrand. Die blausilberne Flamme, nachdem sie bis zum Gehtnichtmehr \u00fcber die sich abwinkelnden Zweige hochgerannt ist, tut einen Sprung ins Leere und wird zur kleinen Finsternis. In kurzer Zeit kann der gesamte Hang \u00fcber dem Meer, ja die gesamte Adriak\u00fcste aufflammen. <\/p>\n<p>Busse und Autos fahren verlangsamt, wie zur\u00fcckblickend. Halt macht jedoch nur ein einziger Eistransporter, schr\u00e4g mit Zebras bemalt. Aus ihm steigt der Fahrer in tarnfarbenem Leibchen, auf seinem Bauch r\u00fcttelt er einen Feuerl\u00f6scher. Hat ger\u00fcttelt, hat gesch\u00fcttelt \u2013 vergeblich &#8212; und hat ihn schlie\u00dflich nach unten rollen lassen in das gl\u00e4nzende Adriatische Meer.<\/p>\n<p>Erbittert stie\u00df er die Transportert\u00fcr zur Seite und begann das Feuer mit frostigen Handgranaten in buntem Stanniol zu bewerfen.<\/p>\n<p><b>EINE RASTST\u00c4TTE AM H\u00dcGEL. KYRILLISCH UND LATEINISCH; VOKALE UND KONSONANTEN<\/b><\/p>\n<p>Vorm Himmel, vor seiner z\u00e4hen lila Haut, die am rechten Rand schon seziert ist und blutige Muskeln entbl\u00f6\u00dft, &#8212; im Gegenlicht eine Frau: Wie ein gro\u00dfes russisches \u0423 &#8212; mit einem bis zum Kinn hin ragenden Busen und dem schmalen, vom Winde aufgebogenen Saum. Neben ihr \u2013 ein deutsches J (kursives Kapit\u00e4lchen) \u2013 ihr Mann.<\/p>\n<p>&#8230; zudem werden gleich noch ihre Kinderlein aus dem Auto st\u00fcrmen, die alle aussehen wie i\u2019s und andere kleine Vokale&#8230;<\/p>\n<p>Aber nein: Aus der aufgesto\u00dfenen Autot\u00fcr sind zwei Hunde gerannt, mit Vorderpfoten strauchelnd, und haben Platz genommen vis-a-vis, wie ein R und das es spiegelnde russische \u042f. Mit Rohkotelettenzungen und schaukelnden Wangengirlanden.<\/p>\n<p>\u00dcber das U des Parkplatzes beginnen sacht die auf den Kopf gestellten L\u2019s der Laternen zu leuchten.<\/p>\n<p><b>AM NORDSEESTRAND. DIE WEI\u00dfEN M\u00d6WEN HABEN SCHWARZE H\u00c4NDE<\/b><\/p>\n<p>Am Strand war es so kalt, da\u00df die Deutschen in Kleidern badeten.<\/p>\n<p>Das Wasser des eben vergangenen Regens bleibt an den Bl\u00e4ttern haften in Form von halbdurchsichtigen Huckeln. Tannen sehen wie aufgeschn\u00fcrte Zypressen aus (umgekehrt w\u00e4re es auch richtig). In den gestreiften H\u00fcttchen lesen die bem\u00e4ntelten und gestiefelten Kurg\u00e4ste halbliegend B\u00fccher, deren Umschl\u00e4ge schnattern. Neben sich haben sie kleine Hunde mit langen Fransen an den Seiten stehen.<\/p>\n<p>In den vom schimmernden Gras umwundenen D\u00fcnen geht noch der alte Wind, der ging.<\/p>\n<p>Am Meer war eine Sch\u00f6ne entlangmarschiert, sie hatte um sich herum geschaut und versucht, mit den H\u00fcften zu schaukeln, die sie gar nicht hatte. Daher schl\u00e4ngelten sich ihre sehr langen Beine in einer Schwingung von den Kn\u00f6cheln bis zu den Lenden, und zwar in L\u00e4ngsschnitt senkrecht zur Bewegungsrichtung. \u00dcber der Brandung schlugen die wei\u00dfen M\u00f6wen langsam Purzelb\u00e4ume: so stellten sie ihre schwarzen H\u00e4nde zu Schau.<\/p>\n<p><b>EIN KLOSTEREIGENES HOTEL IN \u00d6STERREICH. DIE BEATIFIZIERTE BEATE<\/b><\/p>\n<p>Die Empfangsdame hat ein L\u00e4cheln, das mit einer gewissen Verz\u00f6gerung ihr Gesicht einholt.<\/p>\n<p>Das meditative Panneau im Flur stellt allerlei Igel, Eichh\u00f6rnchen und vielleicht Kreuzschnabel oder auch Spechte dicht-flaumiger F\u00e4rbung dar, die mit einem animationsfilmischen Enthusiasmus den Sonnenaufgang begr\u00fc\u00dfen. Zwei B\u00e4rchen heben dabei die H\u00e4nde hoch, als kapitulierten sie.<\/p>\n<p>Im Speisesaal bedient Schwester Beate. In ihrem trockenen, alemannisch dunklen Gesicht leuchtet die Begeisterung einer christlichen M\u00e4rtyrerin. Es besteht kein Zweifel, dass jeder von ihr herbei- oder hinweggetragene Teller ein Schritt weiter auf dem langen Weg zur Kanonisierung ist.<\/p>\n<p>\u201eBeatifiziert sind Sie aber jetzt schon? Bei Lebzeiten?\u201c <\/p>\n<p>Sie lacht h\u00f6flich.<\/p>\n<p><b>APRIL. DAS NACHTMEER IN FRANKFURT; EINE EINSEITIGE STRA\u00dfE<\/b> <\/p>\n<p>Eine Allee, quasi l\u00e4ngs halbiert. Auf der einen Seite Sechs-Familien-Reihenh\u00e4user mit langen Loggien wie in Sanatorien und kleine unsch\u00f6ne Villen; zur anderen \u2013 ein steiler Abhang.<\/p>\n<p>Den Hang entlang stehen Platanen, deren \u00c4ste so stark beschnitten sind, da\u00df sie nur noch St\u00fcmpfe zu sein scheinen. Die gro\u00dfen St\u00fcmpfe sind etwas angehoben (f\u00fcr unsichtbare Kr\u00fccken), den kleinen ist das gr\u00fcne Haar noch nicht gesprossen. <\/p>\n<p>\u00dcber den Hang hin dr\u00e4ngt sich durchdringend-gelb Forsythia, auch Goldgl\u00f6ckchen gehei\u00dfen und von manchen auch ungerechtfertig mit \u201ejapanischer Ginster\u201c betitelt.<\/p>\n<p>Hangabw\u00e4rts folgen terrassiert Rabatten und Rondelle, schartige Stufen, halbverrostete Gel\u00e4nder. Die etwas dumpfe, gl\u00fcckselige Luft eines vergessenen Kurorts. Und scharf entsteht das Bild, \u2013  besonders, wenn die Lichter der Riesenr\u00e4der von der Dippemesse angehen \u2013: da unten, hinter den B\u00e4umen, mu\u00df ein Meer sein.<\/p>\n<p>&#8230; Tief in der Nacht, wenn die Dippemesse ihre Lichter l\u00f6scht, ist dieses Gef\u00fchl noch sch\u00e4rfer: Die obere H\u00e4lfte Deutschlands ist abgebrochen und irgendwohin abgetrieben, ein kaltes gl\u00e4sernes Meer ist gekommen und liegt da unten hinter den B\u00e4umen, lautlos, es schaukelt ein wenig, schimmert hin und wieder, feuchten Kalk hauchend.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es kein Meer hier. Was h\u00e4tte es, das Meer vom Norden, zu suchen hier in dieser fast s\u00fcdlichen Stadt? Andererseits &#8230; niemand ist wohl je nach unten nachsehn gegangen &#8230; <\/p>\n<p><b>FRANKFURT, IMMER NOCH APRILl; DER ERSTE TAG, NACHDEM MAN DIE KNEIPENTISCHEHERAUSGESTELLT HAT. \u00dcBER DEN KLEINEN PLATZ MIT DER UHR<\/b><\/p>\n<p>geht eine (Schnepfe mit T\u00e4schchen), die Frauen (ein wenig grannenhaarige Blondinen) blickten auf ihren Ausschnitt, zogen die Lippen eng hinter den Tassen und dachten: \u201eGenau wegen solcher vergewaltigt man uns!\u201c<\/p>\n<p>Die M\u00e4nner, B\u00e4uche auf Schenkeln, tranken Seife.<\/p>\n<p>Bleiche Greisinnen f\u00fchrten zwei-drei H\u00fcndchen mit Fledermausk\u00f6pfen vor\u00fcber. Serbo-Kroaten, Indo-Pakistanis und Afro-Afrikaner mit Sonnenbrillen gingen in alle Richtungen gleichzeitig und fuchtelten mit allerlei Dingen.<\/p>\n<p>Stehend auf dem linken Fu\u00df und ihn mit dem rechten kratzend, spielte ein M\u00e4dchen Bach auf einer Violine. Ein anderes M\u00e4dchen, kleiner als dieses und mit einem zugezogenen, aber nicht -gekn\u00f6pften Regenschirm, stand beim Uhrt\u00fcrmchen daneben und klimperte mit einem Bierglas, aber beileibe nicht im Takt.<\/p>\n<p>Auf einmal wurde es dunkel, \u2013  so rasch, da\u00df er nicht dazu kam, sich in den Glasw\u00e4nden zu spiegeln, fiel ein bl\u00e4ulicher Regen, sozusagen im St\u00fcck. Und alle waren wie gestorben.<\/p>\n<p><b>MITTE MAI, MAINUFER, VIER UHR NACHMITTAGS. DER UNSICHTBARE HOLUNDER<\/b><\/p>\n<p>Der Flu\u00df war gestern noch matt und stellenweise abgeschabt \u2013 wie der samtene Schuhlappen f\u00fcr den Hochglanz. Heute ist er bereits sonnenlackiert (als habe er sich selbst auf Hochglanz gebracht). Gr\u00fcnlich von den B\u00e4umen und r\u00f6tlich von den Br\u00fccken.<\/p>\n<p>Den Weg eines Achters mit Schlagmann kreuzend, schwimmt, etwas stehend, ein Schwan. <\/p>\n<p>S\u00e4mtliche Wohlger\u00fcche, \u00fcberwiegend von Fladerb\u00e4umen, Fliederb\u00e4umen, Faulb\u00e4umen und Falschen Akazien, haben sich mit einem anderen Geruch vermischt, und im Ergebnis roch es so nach Pisse \u2013 nach Katzenpisse oder nach Engelpisse? So mu\u00df der Holunder riechen, aber gerade vom Holunder lie\u00df sich nichts blicken.<\/p>\n<p>Am Ufer entlang:<\/p>\n<p>haben sich die kleinen Pyramiden der Kastanien selbstverbrannt, geblieben sind nur ihre Skelette aus krauser Asche;<\/p>\n<p>sind von den Akazien schleimige schmalen Schalen gefallen, als habe jemand Auberginen gesch\u00e4lt auf dem Baum;<\/p>\n<p>stehen die Stechpalmen mit ihren stachligen Bl\u00e4ttern und die gepre\u00dften Eiben noch genauso wie auch im letzten Sommer,<\/p>\n<p>und nur die St\u00fcmpfe der platanischen Laokoone beginnen erst zu gr\u00fcnen \u2013 als w\u00fcchsen kleine zottige Nester aus ihnen.<\/p>\n<p>Unter der Br\u00fccke machte ein Zigeuner mit einem Akkordeon Halt. Er zog seinen schwarzen Wachstuchhut vom Kopf und verbeugte sich vor der Br\u00fcckenmauer. Wahrscheinlich stand der unsichtbare Holunder eben hier. Die Zigeuner beten bekanntlich den Holunder an. Die Deutschen machen aus ihm Konfit\u00fcre.<\/p>\n<p><b>M\u00c4RZ IN FRANKFURT. NACH EINEM ERSTAUNLICHERWEISE LANGEM WINTER<\/b><\/p>\n<p>Am Morgen war der Schnee verschwunden vom Rasen an den Stra\u00dfenr\u00e4ndern, es roch nach gekochter W\u00e4sche.<\/p>\n<p>An der Zoomauer unten lagen kleine bunte Schei\u00dfen. <\/p>\n<p>Eine Frau (man sagt: Flugbegleiterin) ging an den Schei\u00dfen vorbei zu einem jungen Mann in einer Fliegerjacke, sie wuchtete ihre Archbacken unter dem Regenmantel mit solcher Kraft, da\u00df sich ihr Mantelkragen bewegte. <\/p>\n<p>Mehrere Kasachen in Steppjacken und in Hosen aus jener schwarzen oder dunkelblauen Baumwolle, die schon nach dem zweiten Tragen anf\u00e4ngt, total verwichst auszusehen, sammelten die Schei\u00dfen in Zweiradpaletten mit langem Griff. Dabei gaben sie jeder Schei\u00dfe einen besonderen Namen. Zum Beispiel: \u201cUnd was bist du f\u00fcr eine, du Elisabeth, du!\u201d<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich sangen die V\u00f6glein von allen Seiten gleichzeitig, aber nicht erkennbar, woher genau. <\/p>\n<p>Im Grunde piepsen alle V\u00f6gel wie das Gummispielzeug f\u00fcr die Badewanne \u2013 das ist der ganze ber\u00fchmte Vogelgesang. Selbstverst\u00e4ndlich mit Ausnahme der Adler aus dem gro\u00dfen K\u00e4fig an der Mauer, die mit den Schn\u00e4beln bohren unter der Achsel, und der Elsterkr\u00e4hen, die sich im blauangelaufenen Himmel breit auf den Baumspitzen schaukeln. Sie schreien wie Menschen. <\/p>\n<p>Aber heute aus schwiegen sie gottwei\u00dfwarum.<\/p>\n<p><b>FRANKFURT, MITTE JUNI, UNTER DER ZOOMAUER, 2 UHR NACHTS. PLATANEN, DEREN MONDE UND DER SCHWEI\u00dfIG-S\u00dc\u00dfE GERUCH DES JASMINS<\/b><\/p>\n<p>&#8230; an der Zoomauer sind die Platanen noch nicht beschnitten worden. So wurden sie m\u00e4chtig, und verdecken nun beinahe der Stra\u00dfe deren Himmel aus blassem Lila-Rosa-Pudding mit dem herrausgel\u00f6ffelten Mond in der Mitte. Daf\u00fcr aber hat sich jede dritte Platane ihren eigenen l\u00e4nglichen Mond beschafft und breitet sich \u2013 sch\u00fctter von diesem Mond und bl\u00e4tterig durchleuchtet &#8212; bewegungslos aus nach oben.<\/p>\n<p>Von einem der l\u00e4nglichen Monde zum anderen schiebt sich ein auf beiden F\u00fc\u00dfen hinkender Mensch in goldener Pludderhose. Sein verk\u00fcrzter verschwindender und wieder erscheinender Schatten rennt unten an der Mauer wie ein kleiner schwarzer Hund. <\/p>\n<p>Entgegenkommende Passanten gehen vorsichtig langsamer, mit dem R\u00fccken zur Mauer, und brummen entweder Italienisch oder zischeln Polnisch.<\/p>\n<p>Gesichter von Frauen scheinen, beleuchtet von Mobiltelefonen, dick wei\u00dfgeschminkt. Oder gar blau. <\/p>\n<p>Und alles riecht schwei\u00dfig-s\u00fc\u00df nach Jasmin, und es bleibt unklar, ob das tats\u00e4chlich vom Jasmin r\u00fchrt, von seinen rundwinkeligen Blumen, die bei einer zuf\u00e4lligen Handbewegung auseinanderfallen, oder von den trockenen und langsamen Frauen in ihren unsichtbaren offenen Kleidern, die die Zoomauer entlangkommen \u2014 mit ihren rundwinkeligen Gesichtern, beleuchtet aus Mobiltelefonen \u2013 und verschwinden dahinten in der unab\u00e4nderlichen Finsternis dahinten, wo die Platanen, jede dritte von ihnen, sie aufnehmen in ihr bl\u00e4tteriges und sch\u00fctteres Licht. <\/p>\n<p>Ein Fahrrad ist vorbeigefahren, es pfiff mit den R\u00e4dern wie ein Baum voll V\u00f6gel.<\/p>\n<p><b>ELSA\u00df, OBERER RAND DER STADT M\u00dcNSTER (ODER MUNSTER), MANSARDE DES VORLETZTEN HAUSES BERGAUF, BALKON. DREI GER\u00c4USCHE UND ZWEI ZEITEN DER NACHT. DIE UNSICHTBAREN ZEPPELINE<\/b><\/p>\n<p>All die Nacht hindurch dreht sich bohrend im Kopf eine Zeile, bohrend erinnernd an jemanden: \u201eAuf dem Weg nach Paris erstarrten die Zeppeline im Schlaf\u201c. Doch wie du auch deinen Hals verdrehst, Zeppeline sind nicht zu sehen. Es war \u00fcberhaupt nichts zu sehen \u2013 auch der Mond nicht, kein Stern. Der Himmel ist dunkler als die Berge, an welchen zumindest Lampen brennen. <\/p>\n<p>Unten ohne Unterla\u00df gurgelte und brodelte der Bergbach \u2014 aus einem Teich im Garten der Hausherren lief er hinab durch eine verrostete Fl\u00f6te zum Geb\u00e4ude der Berggendarmerie mit den gekreuzten Skiern auf dem Wappen. Und \u2014 zum Ausgang, aber nicht Ausklang \u2014 weiter nach unten, in die vom Washenwald eingeengte Stadt, wo der Flu\u00df Fecht ihn erwartete, der in der Finsternis sprang.<\/p>\n<p>&#8230; warum kommt einem das Ticken einer Zikade wie ein Schrecken vor  \u2014 nachts im S\u00fcden? Vielleicht weil, wenn die Zikade eine Uhr w\u00e4re, die Zeit f\u00fcr die, die nach dieser Uhr leben, sehr-sehr schnell vergangen w\u00e4re!?<\/p>\n<p>&#8230; auch das leichte krallende Reiben des Nachtfalters (mit seinen an der Unterseite rauhen Fl\u00fcgeln an dem warmen Kalk \u00fcber dem Ohr), erschreckt \u2014 in seiner Zeit braucht augenscheinlich eine Drehung eines sich selbst unsichtbaren Kopfes zu dem ihm selbst unsichtbaren Himmel, eine ganze Ewigkeit &#8230;<\/p>\n<p>In dem unsichtbaren Himmel erwachten die unsichtbaren Zeppeline und flogen nach Norden \u2013 um Paris ger\u00e4uschlos zu bombardieren. <\/p>\n<p>Hier aber, zwischen drei Ger\u00e4uschen und zwei Schrecken, atmete gemessen das Gl\u00fcck. Hier war die Nacht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u041f\u043e\u0447\u0435\u043c\u0443-\u0442\u043e \u0432\u0430\u0448 \u043a\u043e\u0440\u0440\u0435\u0441\u043f\u043e\u043d\u0434\u0435\u043d\u0442 \u0432\u0441\u0435 \u0447\u0430\u0449\u0435 \u043f\u0443\u0431\u043b\u0438\u043a\u0443\u0435\u0442\u0441\u044f \u0432 \u0438\u0437\u0434\u0430\u043d\u0438\u044f\u0445, \u043d\u0435 \u043e\u0442\u043e\u0431\u0440\u0430\u0436\u0430\u044e\u0449\u0438\u0445\u0441\u044f \u0432 \u0418\u043d\u0442\u0435\u0440\u043d\u0435\u0442\u0435. \u0418 \u0435\u043c\u0443 \u043f\u0440\u0438\u0445\u043e\u0434\u0438\u0442\u0441\u044f \u0440\u0430\u0431\u043e\u0442\u0430\u0442\u044c \u0418\u043d\u0442\u0435\u0440\u043d\u0435\u0442\u043e\u043c \u0441\u0430\u043c\u043e\u043c\u0443. \u0418\u0442\u0430\u043a, \u0432 \u2116 174 (\u043f\u043e\u0441\u043b\u0435\u0434\u043d\u0435\u043c \u0437\u0430 \u043f\u0440\u043e\u0448\u043b\u044b\u0439 \u0433\u043e\u0434) \u0436\u0443\u0440\u043d\u0430\u043b\u0430 &#171;Manuskripte&#187; (\u0413\u0440\u0430\u0446, \u0410\u0432\u0441\u0442\u0440\u0438\u044f) \u043e\u043f\u0443\u0431\u043b\u0438\u043a\u043e\u0432\u0430\u043d\u044b \u043d\u0435\u043c\u0435\u0446\u043a\u0438\u0435 \u0432\u0430\u0440\u0438\u0430\u043d\u0442\u044b \u00ab\u041e\u0431\u0441\u0442\u043e\u044f\u0442\u0435\u043b\u044c\u0441\u0442\u0432 \u043c\u0435\u0441\u0442\u00bb \u2014 \u043d\u0435 \u0432\u0441\u0435\u0445 \u043d\u0430\u043b\u0438\u0447\u0435\u0441\u0442\u0432\u0443\u044e\u0449\u0438\u0445 \u043d\u0430 &hellip; <a href=\"http:\/\/www.newkamera.de\/blogs\/oleg_jurjew\/?p=510\">\u0427\u0438\u0442\u0430\u0442\u044c \u0434\u0430\u043b\u0435\u0435 <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[48,5],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.newkamera.de\/blogs\/oleg_jurjew\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/510"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.newkamera.de\/blogs\/oleg_jurjew\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.newkamera.de\/blogs\/oleg_jurjew\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.newkamera.de\/blogs\/oleg_jurjew\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.newkamera.de\/blogs\/oleg_jurjew\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=510"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.newkamera.de\/blogs\/oleg_jurjew\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/510\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.newkamera.de\/blogs\/oleg_jurjew\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=510"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.newkamera.de\/blogs\/oleg_jurjew\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=510"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.newkamera.de\/blogs\/oleg_jurjew\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=510"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}