{"id":349,"date":"2007-03-27T02:31:00","date_gmt":"2007-03-27T02:31:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.newkamera.de\/blogs\/oleg_jurjew\/?p=349"},"modified":"2007-03-27T02:31:00","modified_gmt":"2007-03-27T02:31:00","slug":"%d1%87%d0%b8%d1%82%d0%b0%d1%8e%d1%89%d0%b8%d0%bc-%d0%bf%d0%be-%d0%bd%d0%b5%d0%bc%d0%b5%d1%86%d0%ba%d0%b8-9","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.newkamera.de\/blogs\/oleg_jurjew\/?p=349","title":{"rendered":"\u0427\u0438\u0442\u0430\u044e\u0449\u0438\u043c \u043f\u043e-\u043d\u0435\u043c\u0435\u0446\u043a\u0438"},"content":{"rendered":"<p>\u0412  \u0433\u0430\u0437\u0435\u0442\u0435 &#171;DIE ZEIT&#187; (\u2116 13, \u043c\u0430\u0440\u0442 2007 \u0433., \u043b\u0438\u0442\u0435\u0440\u0430\u0442\u0443\u0440\u043d\u043e\u0435 \u043f\u0440\u0438\u043b\u043e\u0436\u0435\u043d\u0438\u0435 \u043a \u041b\u0435\u0439\u043f\u0446\u0438\u0433\u0441\u043a\u043e\u0439 \u043a\u043d\u0438\u0436\u043d\u043e\u0439 \u044f\u0440\u043c\u0430\u0440\u043a\u0435) \u0440\u0435\u0446\u0435\u043d\u0437\u0438\u044f \u041e\u043b\u044c\u0433\u0438 \u041c\u0430\u0440\u0442\u044b\u043d\u043e\u0432\u043e\u0439 \u043d\u0430 \u043a\u043d\u0438\u0433\u0443 \u0410\u043d\u043d\u044b \u0420\u0430\u0434\u043b\u043e\u0432\u043e\u0439.<br \/>\n\u0412 \u0441\u0435\u0442\u0438 \u0435\u0435 \u043d\u0435\u0442, \u043f\u043e\u044d\u0442\u043e\u043c\u0443 \u0442\u0435\u043a\u0441\u0442 \u043f\u043e\u0434 \u0437\u0430\u0433\u0438\u0431\u043e\u043c.<br \/>\n<!--more--><br \/>\n<b>K\u00fchnheit und Exstase<\/b><br \/>\n<i>Eine besondere Entdeckung:<br \/>\nDie russische Dichterin Anna Radlova<\/i><\/p>\n<p>Anna Radlowa: Der Fl\u00fcgelgast. Gedichte. Das Schiff der Gottesmutter. Drama. Zweisprachige Ausgabe. Aus dem Russischen von Alexander Nitzberg. Pforte Verlag, S. 181, \u20ac 16, &#8212;<\/p>\n<p>Anna Radlowa ist mit Sicherheit ein v\u00f6llig neuer Name f\u00fcr den deutschen Leser. Eine bemerkenswerte Lyrikerin, war sie zudem eine der verbl\u00fcffendsten Sch\u00f6nheiten der Petersburger Moderne. Vor hundert Jahren sah vieles in Russland nicht anders aus als im \u00fcbrigen Europa: Das muntere 19. Jahrhundert ging und hinterlie\u00df seinen mystisch gestimmten Nachk\u00f6mmlingen ein solides Wohlstandsniveau. Die K\u00fcnste bl\u00fchten auf. Die allersch\u00f6nsten Frauen genossen nicht nur die Bewunderung der Dichter, sie wurden auch zu selbstbewussten K\u00fcnstlerinnen. \u2013 1914 brach diese Welt zusammen. Noch dazu erlitt Russland 1917 die Oktoberrevolution.<\/p>\n<p>Anfang der 20er Jahre war das literarische Petrograd (so der w\u00e4hrend des Ersten Weltkrieges entdeutschte Name St. Petersburgs) eine seltsame Erscheinung: Dichter litten Hunger, hatten kein Brennholz f\u00fcr ihre Wohnungen, manchmal auch keine Wohnungen. Trotz allem versuchten sie, die Formen des literarischen Alltags, wie sie sich in den 1910er Jahren ausgepr\u00e4gt hatten, fortzusetzen: Lesungen zu organisieren, Zeitschriften zu verlegen, Salons zu unterhalten \u2013, bis sie von ihren proletarischen oder angepassten Kollegen endg\u00fcltig in eine mit dem sp\u00e4teren Underground vergleichbare Subkultur verdr\u00e4ngt wurden. <\/p>\n<p>Anna Radlowas kurzer Erfolg fiel auf diese karge Zeit. Michail Kusmin, ein kaprizi\u00f6ser \u00c4sthet und ein wunderbarer Dichter des \u201eSilbernen Zeitalters\u201c, wie man die russische Moderne zu nennen pflegt, versuchte Radlowa der bereits vor dem Ersten Weltkrieg landesber\u00fchmt gewordenen Anna Achmatova gegen\u00fcberzustellen. Allerdings wurden die ersten Poeten nun durch die Obrigkeit bestimmt, und nicht durch literarische Intrigen.<\/p>\n<p>Im Unterschied zu Achmatova, deren Liebesgedichte mit ihren pointierten Sujets und knapper Sprache kleinen Novellen \u00e4hneln, findet Radlowa ihre Themen und Formen in ekstatischen Sektantenliedern. Sie entnimmt der Volkspoesie k\u00fchne Rhythmen, die den Verstechniken des sp\u00e4ten 20. Jahrhunderts zuvorkommen. Von besonderem Interesse ist ihr historisches Versdrama \u201eDas Schiff der Gottesmutter\u201c \u00fcber eine charismatische Anf\u00fchrerin der Chlysty-Sekte, Akulina Ivanovna. Russische Sektanten legitimierten, ebenso wie R\u00e4uber und politische Abenteurer, ihre Anspr\u00fcche mit den Namen von Mitgliedern der Zarenfamilie. So galt Akulina Ivanovna als die Tochter Peters des Gro\u00dfen, Jelisaweta. In der ersten Szene von Radlovas Drama soll Jelisaweta infolge einer Palastrevolution den Zarenthron besteigen. Doch kann sie einem h\u00f6heren Ruf nicht widerstehen und begibt sich auf die Suche nach dem \u201eGottesschiff\u201c, wie sich Chlysten-Gemeinden bezeichneten. Ihre Zofe, zu ihrem Ebenbild geworden, regiert an ihrer Stelle. Nur Graf Rasumowsky, ihr ber\u00fchmter Favorit, erkennt die Doppelg\u00e4ngerin und folgt seiner Geliebten. Als diese sich weigert, die Chlysten zu verlassen, liefert er sie der falschen Zarin aus. Die wirkliche Tochter des gro\u00dfen Zaren wird hingerichtet.<\/p>\n<p>Die historische Akulina Ivanovna segnete Kondratij Seliwanow, den Gr\u00fcnder der r\u00e4tselhaftesten aller russischen Sekten, der Kastraten. Die ritualisierte Verst\u00fcmmelung und die Tatsache, dass einige sehr einflussreiche Pers\u00f6nlichkeiten, darunter Zar Alexander I., diese Sekte unter Schutz nahmen, sorgte f\u00fcr Schauer und anhaltende Ger\u00fcchte. Radlowa schrieb dar\u00fcber einen Roman, der leider noch nicht ins Deutsche \u00fcbersetzt ist.<\/p>\n<p>Das Interesse an derartigen \u00dcberlieferungen ist f\u00fcr die russische Moderne \u00fcberaus typisch (Andrej Belyj, Sologub und v. a.). In vielerlei Hinsicht war das \u201eSilberne Zeitalter\u201c eine fortsetzende Entwicklung der zu kurz gekommenen russischen Romantik des 19. Jahrhunderts, die solche Legenden noch nicht zur Verf\u00fcgung hatte und sich \u00fcberwiegend der westeurop\u00e4ischen Mystik bediente. Das ist \u00fcbrigens ein Muster russischer Literaturgeschichte: Am Ende des 20. Jahrhunderts wurde die zu kurz gekommene russische Moderne \u201emit neuen Mitteln\u201c fortgesetzt. <\/p>\n<p>In den 30er Jahren mussten sich viele Dichter einen literarischen Nebenberuf suchen, schlicht um zu \u00fcberleben. Anna Radlowa \u00fcbersetzte Theaterst\u00fccke f\u00fcr die Inszenierungen ihres Mannes Sergej Radlows, der ein ber\u00fchmter Regisseur war. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs blieb sein Theater zun\u00e4chst im belagerten Leningrad (1924 war die Stadt zum zweiten Mal umbenannt worden). 1942 konnte das Ensemble jedoch in den Nordkaukasus evakuiert werden, der kurz darauf von den Deutschen besetzt wurde. Im Rahmen propagandistischer Veranstaltungen der Nationalsozialisten wurden die Schauspieler gezwungen, zun\u00e4chst in Berlin, dann in S\u00fcdfrankreich zu spielen. Nach dem Krieg bem\u00fchten sich sowjetische Gesandte, darunter namhafte Autoren, darum, die nunmehr in Frankreich lebenden Emigranten zur R\u00fcckkehr in die Sowjetunion zu bewegen. In der Tat gingen einige von ihnen, \u00fcber das Ende des Krieges und den Sieg Russlands euphorisch gestimmt, zur\u00fcck. Viele wurden als Verr\u00e4ter verurteilt, auch die Radlows wurden verhaftet.<\/p>\n<p>Anna Radlowa starb 1949 im Lager. Erst 1997 erschien in Russland ihre Werkausgabe. Es ist dem Pforte Verlag und Alexander Nitzberg hoch anzurechnen, dass einige ihrer Gedichte und ein Drama nun auf Deutsch vorliegen. 2004 gab Nitzberg im selben Verlag einen anderen Dichter der Russischen Moderne, Maximilian Woloschin, heraus. Man will auf die Fortsetzung dieser Reihe hoffen \u2013 die Wunschliste w\u00e4re lang.<\/p>\n<p>\t\t\t\t\t\t\t\tOlga Martynova<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u0412 \u0433\u0430\u0437\u0435\u0442\u0435 &#171;DIE ZEIT&#187; (\u2116 13, \u043c\u0430\u0440\u0442 2007 \u0433., \u043b\u0438\u0442\u0435\u0440\u0430\u0442\u0443\u0440\u043d\u043e\u0435 \u043f\u0440\u0438\u043b\u043e\u0436\u0435\u043d\u0438\u0435 \u043a \u041b\u0435\u0439\u043f\u0446\u0438\u0433\u0441\u043a\u043e\u0439 \u043a\u043d\u0438\u0436\u043d\u043e\u0439 \u044f\u0440\u043c\u0430\u0440\u043a\u0435) \u0440\u0435\u0446\u0435\u043d\u0437\u0438\u044f \u041e\u043b\u044c\u0433\u0438 \u041c\u0430\u0440\u0442\u044b\u043d\u043e\u0432\u043e\u0439 \u043d\u0430 \u043a\u043d\u0438\u0433\u0443 \u0410\u043d\u043d\u044b \u0420\u0430\u0434\u043b\u043e\u0432\u043e\u0439. \u0412 \u0441\u0435\u0442\u0438 \u0435\u0435 \u043d\u0435\u0442, \u043f\u043e\u044d\u0442\u043e\u043c\u0443 \u0442\u0435\u043a\u0441\u0442 \u043f\u043e\u0434 \u0437\u0430\u0433\u0438\u0431\u043e\u043c.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[38,34],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.newkamera.de\/blogs\/oleg_jurjew\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/349"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.newkamera.de\/blogs\/oleg_jurjew\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.newkamera.de\/blogs\/oleg_jurjew\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.newkamera.de\/blogs\/oleg_jurjew\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.newkamera.de\/blogs\/oleg_jurjew\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=349"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.newkamera.de\/blogs\/oleg_jurjew\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/349\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.newkamera.de\/blogs\/oleg_jurjew\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=349"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.newkamera.de\/blogs\/oleg_jurjew\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=349"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.newkamera.de\/blogs\/oleg_jurjew\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=349"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}