{"id":258,"date":"2006-12-11T15:24:00","date_gmt":"2006-12-11T15:24:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.newkamera.de\/blogs\/oleg_jurjew\/?p=258"},"modified":"2006-12-11T15:24:00","modified_gmt":"2006-12-11T15:24:00","slug":"%d1%87%d0%b8%d1%82%d0%b0%d1%8e%d1%89%d0%b8%d0%bc-%d0%bf%d0%be-%d0%bd%d0%b5%d0%bc%d0%b5%d1%86%d0%ba%d0%b8-4","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.newkamera.de\/blogs\/oleg_jurjew\/?p=258","title":{"rendered":"\u0427\u0438\u0442\u0430\u044e\u0449\u0438\u043c \u043f\u043e-\u043d\u0435\u043c\u0435\u0446\u043a\u0438"},"content":{"rendered":"<p>\u0412 \u0440\u043e\u0436\u0434\u0435\u0441\u0442\u0432\u0435\u043d\u0441\u043a\u043e\u043c \u043a\u043d\u0438\u0436\u043d\u043e\u043c \u043f\u0440\u0438\u043b\u043e\u0436\u0435\u043d\u0438\u0438 \u0433\u0430\u0437\u0435\u0442\u044b &#171;DIE ZEIT&#187; \u0440\u0435\u0446\u0435\u043d\u0437\u0438\u044f \u041e\u043b\u044c\u0433\u0438 \u041c\u0430\u0440\u0442\u044b\u043d\u043e\u0432\u043e\u0439 \u043d\u0430 \u043d\u043e\u0432\u044b\u0439 \u043f\u0435\u0440\u0435\u0432\u043e\u0434 \u043e\u0441\u0432\u0435\u043d\u0446\u0438\u043c\u0441\u043a\u0438\u0445 \u0440\u0430\u0441\u0441\u043a\u0430\u0437\u043e\u0432 \u0422\u0430\u0434\u0435\u0443\u0448\u0430 \u0411\u043e\u0440\u043e\u0432\u0441\u043a\u043e\u0433\u043e. \u041f\u043e\u0441\u043a\u043e\u043b\u044c\u043a\u0443 \u043a\u043d\u0438\u0436\u043d\u044b\u0435 \u043f\u0440\u0438\u043b\u043e\u0436\u0435\u043d\u0438\u044f &#171;DIE ZEIT&#187; \u0441\u0442\u0430\u0432\u044f\u0442\u0441\u044f \u0432 \u0441\u0435\u0442\u044c \u043d\u0435 \u043f\u043e\u043b\u043d\u043e\u0441\u0442\u044c\u044e, \u043d\u0438\u0436\u0435 \u043f\u0440\u0438\u0432\u043e\u0434\u0438\u0442\u0441\u044f \u0442\u0435\u043a\u0441\u0442. <!--more--><br \/>\n<b>Vorstellung des Unvorstellbaren<\/b><\/p>\n<p><i>Tadeusz Borowski: Bei uns in Auschwitz. Erz\u00e4hlungen. Aus dem Polnischen von Friedrich Griese. Sch\u00f6ffling &#038; Co, Frankfurt am Main, 2006, 422 S., 24,90 \u20ac<\/i> <\/p>\n<p>Wenn von der europ\u00e4ischen Zivilisation nur dieses Buch erhalten geblieben w\u00e4re, was w\u00fcrde dann ein Nachmensch \u00fcber uns denken? Wohl kaum, dass wir einer normalen Zivilisation angeh\u00f6rten, der pl\u00f6tzlich etwas Schlimmes passierte. Das Erschreckende an diesem Buch: Auschwitz erscheint als nat\u00fcrliche Fortsetzung unseres Pragmatismus und Technizismus, als eine bis ins Absurde verstiegene Normalit\u00e4t. Vielleicht h\u00e4tte es diese Zivilisation auch verdient, dass von ihr nur dieses Buch erhalten geblieben w\u00e4re. <\/p>\n<p>Verfasser des Buches ist der 1922 in der Ukraine geborene Pole Tadeusz Borowski. In den ersten Kriegsjahren studierte er an der Warschauer Untergrunduniversit\u00e4t, wurde 1943 verhaftet und nach Auschwitz gebracht. Er \u00fcberlebte und schrieb eines der ersch\u00fctterndsten Zeugnisse \u2013 vielleicht das n\u00fcchternste, das unheimlichste und das objektivste \u2013 \u00fcber Auschwitz. Von der westlichen Kultur entt\u00e4uscht, trat er nach dem Krieg der kommunistischen Partei bei, was zu weiteren Entt\u00e4uschungen f\u00fchrte. 1951 nahm er sich \u2013 28j\u00e4hrig \u2013 das Leben. Er wurde bei aufgedrehtem Gashahn tot in seiner Wohnung gefunden. Die Vergasung war vollendet.<\/p>\n<p>Sein Werk gibt eine taktile Vorstellung des Unvorstellbaren. Mit unertr\u00e4glicher Genauigkeit beschreibt er den Lageralltag. H\u00e4ftlinge s\u00e4ubern die Waggons, nachdem die angekommenen Menschen in die Gaskammer getrieben worden sind, \u201ein den Ecken, zwischen Kot und verlorenen Uhren, liegen erstickte, totgetretene S\u00e4uglinge, nackte Monstren mit riesigen K\u00f6pfen und aufgetriebenen B\u00e4uchen. Wir tragen sie hinaus wie H\u00fchner, zwei in jeder Hand\u201c. Von dem Gep\u00e4ck der Vergasten wird das Lager ein paar Tage lang leben, man wird sagen: \u201eEs war ein guter, reicher Transport\u201c. Die am Leben Gebliebenen k\u00e4mpfen nicht nur ums \u00dcberleben; f\u00fcr ein St\u00fcck Brot kann man sich ein M\u00e4dchen kaufen, oder man kann Fu\u00dfball spielen: \u201ezwischen zwei Eckb\u00e4llen hatte man hinter meinem R\u00fccken dreitausend Menschen vergast\u201c. Die eigentlichen T\u00e4ter erscheinen selten; die Lagerwelt ist so organisiert, dass alles von den Opfern erledigt wird, die so zu Mitt\u00e4tern werden. H\u00e4ftlinge beginnen gegen\u00fcber ihren Mitgefangenen, denen es noch miserabler geht als ihnen selbst, ein Hassgef\u00fchl zu hegen, \u201edas Einfachste ist, seine Wut am Schw\u00e4cheren abzuladen\u201c. <\/p>\n<p>Borowski war ein geborener Dichter. Seine detailreiche Prosa schockt mehr als die sachlichen Aussagen der Augenzeugen. Das provozierte den Vorwurf des Zynismus, gegen welchen Borowski sich wehren musste: Er habe \u201ekeine menschlichen Gehirne gegessen, keine Kinder ermordet\u201c, ist \u201emit den Deutschen\u201c nicht \u201ein die Oper\u201c gegangen usw. Sogar Czes\u0142aw Mi\u0142osz bezichtigte Borowski des kalten sarkastischen Menschenhasses und eines \u00dcberlegenheitsgef\u00fchls gegen\u00fcber den Ermordeten. In der Aufregung seiner intellektuellen Jagd nach den vom Kommunismus \u201everf\u00fchrten\u201c K\u00fcnstlern machte er keinen Unterschied zwischen Borowski und seinen Figuren.<\/p>\n<p>In seinen sp\u00e4teren Erz\u00e4hlungen versuchte Borowski \u00fcber die Nachkriegswelt zu schreiben. Seine Protagonisten sehen die abgebrannten H\u00e4user, in ihren erotischen Tr\u00e4umen werden sie vom \u201enassen fetten Gestank brennender Menschen\u201c gest\u00f6rt. Borowski wird sein Thema nicht los und bemerkt: \u201eEin junger Dichter der symbolistisch-realistischen Schule sagt \u00fcber mich mit sp\u00f6ttischer Geringsch\u00e4tzung, ich h\u00e4tte einen Lagerkomplex\u201c.<\/p>\n<p>Vielleicht h\u00e4uft sich das Unverst\u00e4ndniss um Borowskis Werk, weil die Realit\u00e4t seiner B\u00fccher grunds\u00e4tzlich unbegreiflich ist. Nach der schaudernden Lekt\u00fcre wird all das wieder unvorstellbar. Aber vielleicht \u2013 und das w\u00e4re Sinn und Zweck der Lekt\u00fcre \u2013 bleibt in jedem Leser ein winziger Teil dieses \u201eLagerkomplexes\u201c. Nichts ist wieder gut zu machen. Das einzige, was zu machen ist \u2013 nicht zu vergessen.<\/p>\n<p><i>Olga Martynova<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u0412 \u0440\u043e\u0436\u0434\u0435\u0441\u0442\u0432\u0435\u043d\u0441\u043a\u043e\u043c \u043a\u043d\u0438\u0436\u043d\u043e\u043c \u043f\u0440\u0438\u043b\u043e\u0436\u0435\u043d\u0438\u0438 \u0433\u0430\u0437\u0435\u0442\u044b &#171;DIE ZEIT&#187; \u0440\u0435\u0446\u0435\u043d\u0437\u0438\u044f \u041e\u043b\u044c\u0433\u0438 \u041c\u0430\u0440\u0442\u044b\u043d\u043e\u0432\u043e\u0439 \u043d\u0430 \u043d\u043e\u0432\u044b\u0439 \u043f\u0435\u0440\u0435\u0432\u043e\u0434 \u043e\u0441\u0432\u0435\u043d\u0446\u0438\u043c\u0441\u043a\u0438\u0445 \u0440\u0430\u0441\u0441\u043a\u0430\u0437\u043e\u0432 \u0422\u0430\u0434\u0435\u0443\u0448\u0430 \u0411\u043e\u0440\u043e\u0432\u0441\u043a\u043e\u0433\u043e. \u041f\u043e\u0441\u043a\u043e\u043b\u044c\u043a\u0443 \u043a\u043d\u0438\u0436\u043d\u044b\u0435 \u043f\u0440\u0438\u043b\u043e\u0436\u0435\u043d\u0438\u044f &#171;DIE ZEIT&#187; \u0441\u0442\u0430\u0432\u044f\u0442\u0441\u044f \u0432 \u0441\u0435\u0442\u044c \u043d\u0435 \u043f\u043e\u043b\u043d\u043e\u0441\u0442\u044c\u044e, \u043d\u0438\u0436\u0435 \u043f\u0440\u0438\u0432\u043e\u0434\u0438\u0442\u0441\u044f \u0442\u0435\u043a\u0441\u0442.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[38,34],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.newkamera.de\/blogs\/oleg_jurjew\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/258"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.newkamera.de\/blogs\/oleg_jurjew\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.newkamera.de\/blogs\/oleg_jurjew\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.newkamera.de\/blogs\/oleg_jurjew\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.newkamera.de\/blogs\/oleg_jurjew\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=258"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.newkamera.de\/blogs\/oleg_jurjew\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/258\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.newkamera.de\/blogs\/oleg_jurjew\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=258"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.newkamera.de\/blogs\/oleg_jurjew\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=258"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.newkamera.de\/blogs\/oleg_jurjew\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=258"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}